Kindererziehung

Bindungsorientierte Erziehung

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Es mag scheinen, dass bindungsorientierte Erziehung nur eine Erfindung der heutigen Zeit ist, doch das Gegenteil ist der Fall. Schon vor der Erfindung von Kinderwagen und dem Verlegen der Kinder in Babybetten war bindungsorientierte Erziehung völlig natürlich und ist es in den meisten Ländern der Welt bis heute (Südamerika, Afrika und Asien) – dort nennt man es einfach Erziehung. Was sind die Grundprinzipien der bindungsorientierten Erziehung und warum können wir unser Kind anders erziehen?

Was ist bindungsorientierte Erziehung

Das Ziel der bindungsorientierten Erziehung ist eine stärkere Bindung zwischen Mutter und Kind, die auf mehr körperlichem Kontakt und Berührung, Empathie seitens der Mutter und der Fähigkeit basiert, auf die Bedürfnisse ihres Kindes zu reagieren. Dieser Erziehungsansatz beruht auf Natürlichkeit und bedeutet nicht, dass etwas falsch ist, wenn die Mutter nicht alle definierten Prinzipien befolgt. Alles ist eine Frage der Abstimmung zwischen Mutter und Kind, damit es beiden damit gut geht. 

Prinzipien der bindungsorientierten Erziehung

Bonding mit dem Baby nach der Geburt

Bonding mit dem Baby ist unmittelbar nach der Geburt sehr wichtig, bedeutet aber nicht, dass alles verloren ist, wenn es nicht stattgefunden hat, zum Beispiel wegen eines akuten oder geplanten Kaiserschnitts (heute sind zum Glück mehr Geburtsstationen auch beim „Kaiserschnitt“ dem Bonding gegenüber aufgeschlossen, alternativ kann das Bonding auch der Vater übernehmen). Das Bonding kann auch in den folgenden Tagen nachgeholt werden, wenn die Mutter das Baby auf ihre nackte Haut legt und es die Brust suchen und andocken lässt. Dann liegen beide zusammen, lernen sich kennen und stimmen sich aufeinander ein

Stillen auf Verlangen

Das Stillen auf Verlangen des Babys sollte selbstverständlich sein. Leider wird in vielen Geburtskliniken, obwohl sie verkünden, das Stillen zu unterstützen, nach festgelegten Intervallen gestillt und außerdem vor und nach dem Stillen gewogen. Doch nicht alle Kinder trinken so viele Milliliter Milch, dass sie anschließend drei Stunden schlafen und nach dem Aufwachen wieder ausreichend gestillt werden. 

Es ist völlig natürlich, dass ein Baby weniger trinkt und häufiger gestillt werden möchte oder gar nichts trinkt (viele Mütter sehen auf der Waage keinen Gewichtszuwachs und sind dann nervös, dass das Kind nicht gedeiht) und nur wegen des Kontakts und der Geborgenheit an der Brust saugt. Deshalb stille, wann immer dein Baby es verlangt. 

Darüber, wie man das Stillen am Anfang nicht verdirbt, kannst du in diesem Artikel lesen.

Gemeinsames Schlafen

Nichts ist natürlicher als das gemeinsame Schlafen der ganzen Familie. Nur sehr wenige Menschen schlafen gern allein ein und schlafen allein. Ja, es gibt Kinder, die ihren eigenen Raum und Ruhe im Zimmer brauchen. Das können wir ihnen auch gönnen, wenn ihr in einem großen Bett schlaft oder das Kinderbett ohne Seitenteil an das große Bett geschoben habt. 

Gemeinsames Schlafen erleichtert das nächtliche Stillen erheblich, denn die Mutter muss nicht zum Bettchen aufstehen, wird also nicht so sehr wach und zieht das Baby nur im Liegen zu sich. Meistens stillt es dann im Halbschlaf und schläft wieder ein. Wenn gemeinsames Schlafen für euch passt, praktiziert es. Wenn das Baby zufrieden im Bettchen mit allen Seitenteilen ist, ist das ebenfalls in Ordnung. Ihr könnt das Baby auch im Bettchen einschlafen lassen und es für die zweite Nachthälfte ins Bett nehmen. Vertraut auf euren mütterlichen Instinkt. 

Ein Kind hat immer einen Grund zu weinen

Ein Kind kann mit Weinen nicht manipulieren, Weinen ist sein einziges Kommunikationsmittel, mit dem es mitteilt, dass es ein Bedürfnis hat. Weinen bedeutet nicht automatisch Bauchschmerzen oder eine volle Windel. Über das Weinen von Babys haben wir ausführlicher im Artikel Das Weinen eines Neugeborenen bedeutet nicht automatisch Bauchschmerzen geschrieben.

Auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen

Ob es nun das Bedürfnis nach Stillen oder Ausscheiden ist: Wenn die Mutter ihr Kind wahrnimmt und sich besser auf es einstimmen kann, hat sie kein Problem, die Bedürfnisse zu erfüllen, um die das Kind bittet. Ein Kind wird viel ruhiger und zufriedener sein, wenn es weiß, dass seine Mutter es beachtet und seine aktuellen Bedürfnisse nicht übersieht. Sie lässt es nicht einfach ausweinen, nur weil es dadurch selbstständiger wird und besser schläft. Ja, es kann eine anstrengende Phase sein, aber ihr werdet sehen, dass das Kind es euch später zurückgibt, weil es weiß, dass ihr es bedingungslos liebt.

Windelfreie Kommunikation

Die windelfreie Kommunikationsmethode hängt mit dem vorherigen Punkt zusammen: Die Mutter ist auf das Kind eingestimmt und weiß anhand seiner Signale, wann das Baby pinkeln oder kacken muss. Windelfrei ist eine großartige Vorbeugung gegen Bauchschmerzen und außerdem braucht ihr dadurch nur sehr wenige Windeln. Mehr über diese Methode lest ihr im Artikel Windelfreie Kommunikationsmethode

Das Tragen des Kindes

Das Tragen stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind sehr. Durch die Ausschüttung von Hormonen hilft es bei der Milchbildung und das Kind passt sich besser an die Welt an. Wenn das Baby im Kinderwagen weint oder ihr zu Hause noch ein älteres Kind habt, dem ihr euch ebenfalls widmen müsst, erleichtert euch das Tragen des Babys den Alltag zu Hause und auch außerhalb sehr. Und keine Sorge: Durch Tragen verwöhnt man ein Kind nicht wirklich

Körperlicher Kontakt

Mit Kontakt ist nicht nur Tragen oder Stillen gemeint, sondern auch zum Beispiel eine Babymassage, die sehr hilfreich fürs leichtere Einschlafen oder bei Bauchschmerzen ist. Immer wenn ihr es spürt, berührt euer Kind, kuschelt mit ihm, gebt ihm liebevolle Geborgenheit, auch wenn es gerade quengelt oder wütend ist. 

Das Kind steht nicht an erster Stelle

Es könnte den Anschein haben, dass wir in der bindungsorientierten Erziehung vor allem die Bedürfnisse des Kindes bevorzugen und unsere eigenen vernachlässigen. Nein, auch die Mutter muss Energie tanken und Dinge tun, die ihr Spaß machen und sie erfüllen. Sei es eine Massage, Yoga, eine Tasse heißer Kaffee, Nähen oder ein Spaziergang im Wald. Akkus im Mutterschaftsurlaub wieder aufladen kann man auf vielfältige Weise, und wenn die Mutter Unterstützung von anderen Familienmitgliedern hat, sollte sie diese jederzeit nutzen, wenn sie es braucht (Kinderbetreuung, Haushalt). Alternativ kann man die Akkus auch aufladen, wenn das Kind schläft – der Haushalt kann warten. Wichtig ist vor allem das familiäre Wohlbefinden und dass der Partner nicht auf die zweite Reihe geschoben wird. Auch die Beziehung zwischen den Eltern muss gepflegt werden, damit alle gemeinsam mit den Kindern in Harmonie funktionieren können. 

Innere Grenzen

Das Setzen innerer Grenzen ist sowohl für die Eltern als auch für ihre Kinder sehr wichtig. Dank dieser Grenzen kann man in einer gegenseitig respektvollen Beziehung ohne Bestrafung funktionieren. Dann kommt es weder dazu, dass das Kind verwöhnt und überheblich wird, noch dass es Angst vor euch hat und aus Furcht alles tut, was es in euren Augen erkennt. Außerdem wird es durch Grenzen im Leben sicherer sein, weil es weiß, was es sich wo und in welchem Maß erlauben kann. 

Wenn Eltern nicht alle Prinzipien der bindungsorientierten Erziehung befolgen, bedeutet das auf keinen Fall, dass sie nicht bindungsorientiert sind. Manchmal findet das Bonding einfach nicht direkt nach der Geburt statt, die Mutter kann aus gesundheitlichen Gründen nicht stillen oder im Tuch tragen, aber das ist kein Problem. Bindungsorientierte Erziehung bedeutet, die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen, wann immer es nötig ist, gegenseitigen Kontakt und bedingungslose Liebe. Handelt deshalb nach eurer mütterlichen Intuition, und auch wenn eure Umgebung euch vom Gegenteil überzeugen will, lasst euch nicht verunsichern. Ihr werdet sehen, dass aus eurem Kind ein empathisches, respektvolles und liebegebendes Wesen heranwächst, das seine Meinung ausdrücken kann und sich in der Welt nicht so leicht verliert. 

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